Warum Haydn?

 

 

„Joseph Haydn, österreichischer Komponist, neben Mozart und Beethoven der dritte bedeutende Komponist der Wiener Klassik“ – so etwas in dieser Art haben wir in der Schule gelernt, und dies steht auch in den meisten Lexika geschrieben. Und doch, Haydn gehört auch ein wenig uns Ungarn. Sein Geburtsort Rohrau liegt gerade am Ufer des alten Grenzflusses zwischen Österreich und Ungarn, an der Leitha, so wuchs der Komponist schon von Kindheit an in einer Art „musikalischem Schmelztiegel“ heran. In dem Grenzgebiet vermischten sich die österreichischen, ungarischen, slowakischen, ja sogar kroatischen kulturellen Elemente frei miteinander – diese frühen Eindrücke sind auch in der einen oder anderen „ungarischen“ oder eben „zigeunerischen“ Episode der späteren Haydn-Werke spürbar. Wichtiger als das ist allerdings, dass der Komponist im Alter von achtundzwanzig Jahren Hofdirigent der damals vermutlich einflussreichsten ungarischen Adelsfamilie, der Fürsten Esterházy, wurde und die Mehrzahl seines umfassenden Lebenswerkes während der Zeit schrieb, als er in ihrem Dienst stand. Da der berühmte „Pomp-Liebhaber“ Fürst Nikolaus am liebsten in dem von ihm erbauten Schloss in Eszterháza verweilte, verbrachte auch Haydn mehr als zwei Jahrzehnte lang den überwiegenden Teil des Jahres in Ungarn. Zudem wird der Großteil des einstigen Notenarchivs der Familie Esterházy und zugleich die weltweit umfassendste Sammlung von Haydn-Manuskripten heute in der Budapester Landesbibliothek Széchényi aufbewahrt – durch die Erforschung dieser Quellen ist der Komponist in den vergangenen Jahren hier in Ungarn noch mehr zu einer „nationalen Sache“ geworden. Wenn sich also die Welt 2009 an Joseph Haydn als eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der europäischen Musikgeschichte erinnert, feiern wir Ungarn ihn ganz besonders herzlich – als den zweifellos größten, ein wenig ungarischen Komponisten aller Zeiten.

 

 

 

 

Mikusi Balázs

Musikhistoriker